Zurück zur Ohrwurmqualität

 

Die Lyrik der letzten Jahrzehnte expandierte so zwanglos, dass sie tradierte Formen (Reim, Metrum, Strophenbau etc.) immer weiter hinter sich zurückgelassen hat. Eine Identifizierung als Gedicht macht oft nur mehr der Verssprung möglich.

 

Zudem sperrt die moderne Lyrik die Leser häufig aus: Hermetisch und chiffriert ist sie nur Eingeweihten zugänglich. Der ambitionierte Außenstehende schreckt zurück mit einem Gefühl der Hochachtung für die Kunst des Dichters und ist sich gleichzeitig der eigenen Unwissenheit bewusst. Viele Werke der sogenannten „Moderne“ sind daher fast ausschließlich unter Literaturwissen-schaftlern bekannt.

 

Nur Gedichten mit ausreichender „Ohrwurmqualität“ kann es gelingen, neue Leserkreise zu begeistern und sich womöglich ins Sprachgedächtnis von Generationen zu schlängeln. Dazu braucht es Form – sei es als Reibefläche oder als Rezeptur – und Verständlichkeit, durchaus mit Bezug zur Banalität und Brutalität des Alltags.

 

© Josef Hader

 

Vorsicht! Gedichte können den Trübsinn gefährden

 

Das Gefühl von Freude ist ein freundlicher Gruß des Lebens an uns Menschen. Dennoch ist diese wohlige Empfindung all jenen suspekt, die unfähig sind, positive Momente in Glücksgefühle umzumünzen. Eingefleischte "Trübsinnfanatiker" lassen da nichts anbrennen, indem sie sich reflexartig darauf verstehen, ein aufkeimendes frohes Herz schon im Ansatz zu ersticken. Die bereits zur Sucht mutierte Freudlosigkeit wird prompt bedient.

 

Echtes Freuen kann nur aus einem gelungenen Zusammenspiel von innerer Bereitschaft und äußeren Umständen gedeihen. Wie beim Billardspiel muss der Anstoß von außen kommen, um die rollbegierigen Kugeln auch wirklich ins Rollen zu bringen, bevor sie früher oder später wieder in das schwarze Loch poltern – kein Licht ohne Schatten!

 

Gedichte liegen nah am Nerv unserer Existenz und wirken unmittelbar, sozusagen "geistig-intravenös". Für mich bergen Gedichte katalysierende Eigenschaften, die in meinem Gemütshaushalt freudige Reaktionen beflügeln. Gleiches könnte bei vielen anderen ebenso funktionieren. Also, starten Sie den Versuch: Lesen Sie täglich zumindest ein gutes Gedicht oder schreiben Sie ein eigenes - währenddessen sollten sich Stimmungslage und Mundwinkel synchron nach oben bewegen.

 

© Josef Hader